Biographien

Hier finden Sie Interviews mit Menschen, denen ich die Frage gestellt habe: “Was bedeutet für Dich der Begriff Selbstverantwortung und welchen Einfluss hatte diese Haltung Selbstverantwortung auf Dein Leben?” Um die Persönlichkeit der InterviewpartnerInnen zu schützen, haben wir die Namen nach Wunsch geändert.

Rita ( 57 Jahre) Interview vom 7. Juli 2015

Sylvia: Was hat das Wort Selbstverantwortung mit seiner ganzen Bedeutung in Deinem Leben für eine Rolle gespielt und ab wann wurde Dir das bewusst?

Rita: Das kann man rückwärts ja erst im Moment des Bewusstwerdens sagen, – aber ich glaube bewusst spätestens seit dem Zeitpunkt, an dem die ganze Familie weg war.

Sylvia: Was meinst du mit „weg war“?

Rita: Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Mein Bruder war vorher schon weg, der kam auf ein Internat.

Sylvia: Wie alt warst Du da?

Rita: Da war ich sechs. Und gerade in der ersten Klasse. Zuerst war mein Bruder weg, dann kam mein Hund weg. Dann kam ich von H. nach D. zu meinen Großeltern auf eine katholische Schule, das war ganz anders als in H. . Meine Eltern waren erstmal weg.

Sylvia: Weg? Wo waren sie denn?

Rita: Das wusste ich damals nicht. Ich wusste, dass meine Mutter irgendwo auf Wohnungssuche war. Dass sie sich scheiden lassen wollten, wusste ich nicht.

Sylvia: Das hat Dir keiner erklärt?

Rita: Nee. Dass mein Vater in H. geblieben ist….mein Bruder war ja schon weg, der Hund auch. Die letzte Trennung war für mich, die von meiner Mutter. Bei meinen Großeltern kam ich auf die neue Schule, und das war ganz furchtbar. Da hatte ich nur Angstzustände. Am ersten Tag kam ich da rein, war natürlich ein bisschen schüchtern, und vorne standen fünf Kinder…die Lehrerin hat mich vorgestellt, dann hat sie einen Stock genommen (lacht), dann haben die fünf Kinder da vorne den Hintern voll gekriegt. Ich habe nicht gewusst, warum und habe dann mitbekommen, die haben ihre Schularbeiten nicht gemacht, oder was nicht gewusst….da war ich erstmal ziemlich geschockt. Dann gab es Nachsitzen. Da habe ich mir gedacht, das ist so richtige Folter, da ist man allein und wird umgebracht. Deshalb war ich superbrav. Eigentlich habe ich immer nur Angst gehabt und hab auch jeden Morgen geweint, immer wenn ich aus der Haustür bin und wollte nicht zur Schule

Sylvia: Und Deine Großeltern? Wie war die Bindung da, was haben die gesagt?

Rita: Meine Großmutter hat das Fenster aufgemacht: „Gehst du wohl zu Schule! Gehst du wohl zur Schule!“ Mein Großvater ist irgendwann mal rausgekommen: „Oh, du bist ja noch da? Ich wollte grad Brötchen holen, das ist ja neben der Schule.“ Ich natürlich hinterher. Das hat er eine ganze Weile immer „zufällig“ gemacht. Solange er bei mir war, solange fühlte ich mich geborgen. In der Schule habe ich immer geweint, wenn ich von der Pause wieder rein musste. Eines Tages kam da ein Junge, der hat mich gefragt: „Willst du nicht in die Klasse kommen?“ Und da hat ein Mädchen gesagt, „lass die doch, die heult jeden Tag“. Da habe ich kurz nachgedacht: „Stimmt! Ich weine dauernd. Das bringt ja nichts.“ Da ist es mir bewusst geworden, und ich habe gedacht, so geht das nicht weiter. Ich weine jetzt nicht mehr einfach so. Also das Weinen lass ich schon mal sein. Ich hab gemerkt, wenn ich mir nicht selber helfe, macht es niemand.

Sylvia: Welche Schlüsse hast Du aus dieser Erkenntnis gezogen? Welche Auswirkungen hatte das auf Dein weiteres Leben?

Rita: Ich habe da auf der Treppe gestanden, das kam ganz blitzartig,- dieser Gedankengang. Ich habe dann gedacht – das klingt jetzt vielleicht komisch – „ich werde nicht mehr „umsonst“ weinen“. Seit diesem Tag habe ich darauf geachtet, dass ich mir die Chancen und die Wünsche, die ich hab, klar mache, und ob ich die Chance habe, den Wunsch umzusetzen. Natürlich habe ich mir meine Mutter gewünscht, hatte aber keine Chance das umzusetzen.

Sylvia: Das ist ja auch ein Trauerprozess. Also hattest Du das Gefühl, okay ich muss mein Leben jetzt in die Hand nehmen.

Rita: Ja, das war das Gefühl. Ich kann mich an diesen Moment sehr deutlich erinnern, und weiß daher genau, dass ich das dann getan habe, also, mein Leben in die Hand genommen. Das kam von innen heraus, das Gefühl, ich muss es selber machen. Ich glaube, das habe ich dann auch getan.

Sylvia: Wie hast Du es gemacht?

Rita: Also in der Schule konkret, dass ich nicht mehr geweint habe, obwohl ich komplett uninteressiert war. Habe aber nach relativ kurzer Zeit dort eine Position gekriegt, weil ich mehr vorhanden war. Wenn irgendwas war, habe ich gesagt, das ist jetzt ungerecht, das finde ich nicht gut. Also, ich bin aufgetaucht, was ich vorher nicht war. Ich hatte keine Freunde, aber ich war sehr spannend für die anderen. Ich hatte so eine machtvolle Position, wenn ich sie denn genutzt hätte.

Sylvia: Das war wahrscheinlich der Punkt, der Dich gestärkt hat. Du fühltest Dich unabhängig.

Rita: Genau. Ich war da völlig unabhängig. Ich habe das für mich gemacht. Ich wollte die Schule hinter mich bringen.

Sylvia: Und der Kontakt zu Deiner Mutter in der Zeit?

Rita: Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen zu fragen, können wir mal meine Mutter anrufen, vielleicht die Nummer rauszusuchen. Meine Mutter hat dann irgendwann einen Job gefunden, in der Nähe von Frankfurt und auch eine Wohnung. Da hat aber mein Großvater sich entschlossen, damit ich kein Schlüsselkind werde, und hat gesagt, sie ziehen mit.

Sylvia: Also mit Mutter und Großeltern in einem Haus.

Rita: Das ist Wahnsinn, dass sie in dem hohen Alter noch umgezogen sind. Da wohnten wir dann zu viert, und da habe ich mich auch wieder geborgen gefühlt. Dieses Gefühl des Alleinseins das hat mich trotzdem extrem geprägt, auch umgekehrt: ich lasse heute Menschen, die mir nah sind auch nicht allein.

Sylvia: Wie hast Du Deine Mutter wahrgenommen? Warst Du enttäuscht, hast Du ihr das übel genommen?

Rita: Ich habe sie als Opfer wahrgenommen. Ich dachte, die sitzt irgendwo und weint und verzehrt sich genauso nach mir, wie ich mich nach ihr.

Sylvia: Du hast ja dann selber eine Tochter bekommen. Wie hat Deine Geschichte sich auf die Beziehung zu ihr ausgewirkt?

Rita: Ich habe noch mehr verstanden von mir als Kind früher, weil ich gesehen haben, wie Kinder sind. Dass ich dann gedacht hab, das mache ich auf keinen Fall, mein Kind alleine lassen, das war mir oberstes Gebot. Ich wollte nicht, dass sie diese Unverbindlichkeit erlebt, die ich erlebt habe, sondern Verbindlichkeit.

Sylvia: Du bist ja schon sehr früh aus dem Nest gepurzelt – gepurzelt worden und hast Wege gefunden, wie Du damit umgehst. Da hast Du die Erkenntnis gewonnen: Ich kann mich am Besten nur auf mich verlassen. Um den Bogen zu der gelebten Selbstverantwortung zu schlagen……….

Rita: Das kann ich sofort beantworten. Nicht nur, dass das damals die einzig mögliche Lösung war, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Aber die Erkenntnis, die dahinter stand, wie toll das ist, wenn ich gesehen habe, wie andere gefangen sind, und ich konnte mich entscheiden, was auch ein Umentscheiden beinhaltet. Das ist so eine Freiheit gewesen, denn ich hatte ja nichts mehr zu befürchten. Daher konnte ich immer selber überlegen, was ich will, und das finde ich heute immer noch wundervoll. Da gibt es immer eine Lösung, mit der ich rund sein kann. Wenn das der einzige Weg in meinem Leben gewesen wäre, durch den ich so geworden wäre, wie ich heute bin, würde ich den nicht missen wollen.

Aziz (55 Jahre) Interview vom 15. Mai 2015

Sylvia: Wann hat Selbstverantwortung in Deinem Leben angefangen eine Rolle zu spielen? Kannst Du Dich daran erinnern?

Aziz: Seit ich klein war, so mit 6 – 7 Jahren habe ich dieses Gefühl gehabt. Ich bin in Dakar, der Hauptstadt vom Senegal geboren. Ich habe mich schon so früh selbstverantwortlich gefühlt, weil ich nicht mit meiner Mama und meinem Papa aufgewachsen bin, sondern bei meinem Onkel.

Sylvia: Wie kam das?

Aziz: Das gehört zur Kultur im Senegal, dass Du Deinen Sohn einem Bruder oder einer Schwester geben kannst.

Sylvia: Weil die Bedingungen dort vielleicht besser waren?

Aziz: Nicht unbedingt. Bei mir war das so, dass mein Großvater mir seinen Namen gegeben hat. Also trage ich den Namen von meinem Großvater mütterlicherseits und meine Großeltern wohnten bei meinem Onkel. Daher wurde ich dort abgegeben.

Sylvia: Du hast ja noch Geschwister. Warst Du das einzige Kind, das weggegeben wurde?

Aziz: Meine sechs Geschwister sind bei meinen Eltern aufgewachsen. Als ich zu meinem Onkel kam, war ich fünf und nach zwei Jahren bin ich in die Schule gekommen Und seitdem habe ich mich für mein Leben selbstverantwortlich gefühlt (lacht).

Sylvia: Waren denn Deine Großeltern und Dein Onkel und Deine Tante so etwas wie Elternersatz für Dich?

Aziz: Doch, doch. Manchmal sogar übertrieben, in dem Sinne, sie wollten mir alles geben. Aber zu dieser Zeit hatte ich das Gefühl, ich bin alleine, aber auch nicht alleine, als Sohn meiner Eltern, die aber nicht da waren. Daher musste ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Sylvia: Ich versuche mir das gerade vorzustellen. Hast Du Deine Eltern ab und zu besucht?

Aziz: Ja, ja. In den großen Ferien konnte ich sie besuchen. Aber das war nicht so einfach, ich habe mich gefreut, meine Brüder und Schwestern, meine Eltern zu sehen und wenn ich zurückkam, habe ich mich einsam gefühlt.

Sylvia: Das kann ich mir vorstellen. Das ist wirklich schwer.

Aziz: Ja (lacht), das ist nicht angenehm gewesen.

Sylvia: Wie war es für Dich in der Schule?

Aziz: Die Schule war für mich ein Ausweg. Da hatte ich Freunde,- das war wie Freiheit. Nachdem man die Schule beendet, besucht man das Kollege, das habe ich ganz normal abgeschlossen. Danach habe ich noch zwei Jahre bei meiner Familie gelebt, bevor ich 1982 nach Frankreich gegangen bin. Leider habe ich in dieser Zeit meine Mutter verloren. Das heisst wir haben nie richtig zusammen gelebt.

Sylvia: Das ist traurig.

Aziz: Ja, das ist sehr traurig. Ich hatte mich gefreut, gedacht, jetzt geniesse ich richtig, mit meiner Mama zu sein, aber dann hatte sie einen Autounfall und ist gestorben. Das war natürlich sehr schmerzhaft.

Sylvia: Du bist dann nach Frankreich gegangen, um zu studieren?

Aziz: Zum Studieren, aber ich habe mein Studium nicht zu Ende gebracht, ich habe gejobbt. Dann habe ich 1983 in Paris eine Frau kennen gelernt, mit der habe ich fast ein Jahr in Brüssel gelebt. Später 1988 bin ich nach Berlin gekommen und habe dann nach einem Jahr mein erstes Unternehmen gegründet. 1993 habe ich eine Disco aufgemacht und ein Jahr danach eine Boutique in Schöneberg.

Sylvia: Also hast Du immer wieder was unternommen.

Aziz: Ja, das war wie ein Fieber, ist damals gut gelaufen.

Sylvia: Ich möchte noch Mal auf Deine Kindheit zurückkommen. Wie denkst Du, hat Dich dieses Schicksal fern von Deinen Eltern aufzuwachsen geprägt für Dein weiteres Leben?

Aziz: Das war auf der einen Seite natürlich traurig, ich habe mich einsam gefühlt. Aber es hat mir auch einen starken Charakter, ein starkes Gefühl gemacht. Was geschafft werden muss, muss von mir geschafft werden, so eine Philosophie – hat mich stärker gemacht, mir Mut geben.

Sylvia: Das war für Dich ja eine große Herausforderung.

Aziz: Ja, total. Das hat mir irgendwo geholfen, bis jetzt noch. Wenn ich sehe, welche Entwicklungen meine Geschwister genommen haben, sehe ich den Unterschied.

Sylvia: Wenn hier zulande Eltern ihr Kind weggeben würden, da würde man sagen „Rabeneltern“, das ginge ja gar nicht.

Aziz: Deswegen will ich meinen Kindern alles geben, und obwohl ich meine Erfahrung ja positiv bewerte, würde ich sie nie, nie irgendwo hin geben (lacht).


Interview Kevin (38 Jahre) vom 16. April 2015

Sylvia: Welche Bedeutung hat Selbstverantwortung für Dein Leben, und wann in Deiner Biographie hat sie angefangen eine Rolle zu spielen?

Kevin: Selbstverantwortung, was das für mich bedeutet?

Sylvia: Ja, ganz konkret für Deinen Lebenslauf.

Kevin: Selbstverantwortung bedeutet ganz viel für mich, die ist ganz wichtig. Selbstverantwortung bedeutet für mich, ich nehme mein Schicksal in meine eigenen Hände. Ich bestimme, in welche Richtung ich gehe. Wie ich mich entwickelt habe. Selbstverantwortung heisst, Entscheidungen zu treffen.

Sylvia: Wann wurde Dir das bewusst, wann hast Du das gespürt, in welchem Alter?

Kevin: Relativ früh, muss ich sagen. Das war so zwischen 15 und 17 Jahren, also besonders mit 16, da hat sich mein Vater von meiner Stiefmama getrennt und in einem anderen Bundesland von Jamaika gearbeitet, und ich blieb alleine zu Hause.

Sylvia: Ganz allein?

Kevin: Ganz allein! Und ich musste zur Schule gehen und mir mein Frühstück machen und pünktlich in der Schule sein, mir Essen machen. Ich musste mein eigenes Leben gestalten.

Sylvia: Wie war das? War das sehr schwer?

Kevin: Es war nicht perfekt. Es gab Momente, da kam mein Vater von der Arbeit, und das Haus war chaotisch, nicht richtig aufgeräumt. Da hat er geschimpft. Das war mein großes Defizit. Aber ansonsten, was ich für Freunde habe, wer darf in das Haus, ob ich meine Hausaufgabe gemacht habe, das habe ich meiner Meinung nach gut gestaltet, angesichts der Umstände.

Sylvia: Was haben die anderen aus der Familie dazu gesagt, fanden die das okay?

Kevin: Das war okay, hatte sich so ergeben, Schicksal, sozusagen. Gut, mein Onkel von meines Vaters Seite, ist ab und zu vorbeigekommen, mehr nicht.

Sylvia: Was hat Deine Mutter gesagt, die lebte ja schon in Florida?

Kevin: Sie wusste schon, dass ich da alleine bin. Für sie war das okay, weil,- ich bin ein Mann, ich muss wissen, wie das funktioniert.

Sylvia: Da hat sie Dir doch einiges zugetraut?

Kevin: Ja. Das ist halt Jamaika.

Sylvia: Meinst Du, das ist ein kultureller Unterschied zu hier, dass Kinder früher selbständig werden?

Kevin: In Jamaika sind Kinder früher in Selbstverantwortung, einfach aufgrund der Sozialökonomie. In Jamaika spielen Armut und Kriminalität eine große Rolle. Da kann man schon mit dem eigenen Leben bezahlen, das heisst, ich komme nach Hause, gehe ins Bett, ohne die Tür abzuschließen, und dann wirst du überfallen, das passiert. Da muss man bewusst damit umgehen, mit wem bin ich befreundet?

Sylvia: Das ist ja immer das, was Eltern hier besorgt macht, sie wollen die Kinder immer sehr beschützen.

Kevin: Ja, das ist das Ding. Hier werden sie sehr viel beschützt, nach meiner Meinung, zu viel, aber hey, das ist auch okay, es funktioniert. Aber in manchen Krisensituationen werden die Kinder hier nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Sylvia: Ja, weil sie nicht daran gewöhnt sind.

Kevin: Ja, weil sie nicht daran gewöhnt sind. In Jamaika gibt es Konfrontationen direkt vor deinem Gesicht. Auf einer Party gab es zum Beispiel eine Schießerei, oder Feuer im Haus.

Sylvia: Wann bist Du eigentlich nach Deutschland gekommen?

Kevin: Ich bin jetzt fast – o Gott – 19 Jahre in Deutschland, unglaublich. Als ich herkam hatte ich zum Glück meine Tante, die ist mit einem Deutschen verheiratet, und sie haben mir Halt gegeben und Sicherheit. Das war gut.

Sylvia: Diese frühe Erfahrung, selbst für Dich verantwortlich zu sein, hat die Dein Leben leben später bestimmt, was denkst Du?

Kevin: Ja.

Sylvia: Was denkst Du, ist anders dadurch?

Kevin: Ich bin flexibel geworden. Ich habe aus eigener Kraft mein Leben gestaltet, bin selbstüberzeugt geworden. Ich habe Durchhaltevermögen bekommen, weil ich weiß, wie Scheitern aussieht, was für Konsequenzen das hat. In Jamaika heisst Scheitern, du bist abgestiegen in deinem Lebensniveau, da gibt es kein Sozialnetz, um dich aufzufangen. Und ich bin nach Deutschland gekommen und habe gesehen, wer nach den Regeln spielt, wer sich anpasst, hat eine Chance nach oben zu kommen. Ohne wenn und aber, unabhängig von der Hautfarbe, der Herkunft, der Religion. Wer fleissig ist, sich Mühe gibt, hat eine Chance. Und die lasse ich mir nicht entgehen.

Sylvia: Was könntest Du deutschen Eltern raten, in Hinblick auf Selbstverantwortung? Die möchten ja gerne, dass ihre Kinder Selbstverantwortung übernehmen, aber man lernt es ja nicht, weil jemand es sagt, sondern indem man es tut.

Kevin: Genau, indem man es tut und nicht, indem man sich auf den Staat oder die Lehrer verlässt. Sondern die Eltern müssen ja wissen, ist etwas kontraproduktiv für das eigene Kind oder nicht. Ich gucke mich selbstkritisch an, wie ich meine eigene Tochter erziehe. Ich habe eine konservative Einstellung, was nicht sein muss.

Sylvia: Du meinst, ihr mehr Luft geben.

Kevin: Ja, mehr Luft geben, aber anwesend sein.

Interview Irene (90 Jahre) vom 19. April 2015

Sylvia: Was bedeutet der Begriff Selbstverantwortung für Dein Leben, für Deine Entwicklung?

Irene: Selbstverantwortung ist in mein Leben fest integriert. Es war etwas ungewöhnlich, dass meine Eltern uns – ich war die Jüngste und hatte noch drei Brüder, dass meine Eltern uns sehr viel Eigeninitiative überlassen haben, was ja in anderen Familien nicht so der Fall war. Meine Eltern waren sehr tolerant, manche meinten sogar zu gutmütig, die dachten das sei Schwäche, ist es aber nicht, sondern eine gewisse Lebensanschauung. Wir waren auf dem Land und konnten viel machen, was die Stadtkinder überhaupt nicht machen konnten. Es war ein Leben im Freien, und das Wort sagt ja alles, und wir kriegten ganz viel von der Natur mit.

Sylvia: Ihr wart nicht dauernd unter Kontrolle, wurdet nicht überwacht….

Irene: (lacht) So gut wie nie unter Kontrolle. Sie gestanden uns zu, dass wir na ja, nicht das Richtige machten, aber doch einigermaßen vernünftig handelten.

Sylvia: Aber Du musstest ja die Schule besuchen und Hausaufgaben machen, wie war das?

Irene: Ja also, ich hatte wenig Schwierigkeiten in der Schule, jedenfalls bis zum Abitur, danach hatten meine Brüder und ich Schwierigkeiten mit Fremdsprachen, aber ich habe das dann gut hingekriegt. Und meine Brüder später auch mit Unterstützung einer Förderschule.

Sylvia: Was, denkst Du, hat noch zu Deiner persönlichen Entwicklung beigetragen?

Irene: Wie ich schon sagte, war es sehr prägend, dass ich so frei aufwachsen konnte. Das habe ich sehr geschätzt. Aber dann merkte ich, dass unter der NS Staatsführung unser Leben völlig unter Kontrolle, unter Befehle und Verbote geriet, und wir konnten alle nicht mehr tun, was wir wollten. Und dann kam ja der Krieg. Und später, in der DDR ging die Bevormundung unter anderen Vorzeichen weiter. Als ich das begriff, auch das ich beruflich dort keine Chance hatte, inzwischen hatte ich tüchtig Englisch und Französisch gepaukt, da bin ich schwarz über die grüne Grenze gegangen, nach Hamburg und habe dort ein neues Leben versucht und mehr oder weniger ist mir das dann auch gelungen. Auch wenn ich manchen Umweg oder Irrweg gegangen bin, und das halte ich mir zugute, dafür habe ich nicht anderen die Schuld gegeben, sondern immer gedacht, das ist meine eigene Schuld, ich muss daraus lernen

Sylvia: Das ist ja doch sehr interessant, dass wir von Schuld sprechen, statt von Verantwortung, hinterher ist man ja immer klüger.

Irene: Ja, das stimmt. Was mich auch geprägt hat, war, dass mein Großvater Wissenschaftler war, der mehrere Forschungsreisen in zum Teil abgeschiedene Gegenden machte. Als meine Mutti 18 Jahre alt war, also noch vor dem ersten Weltkrieg, durfte sie ihn ein Mal auf einer seiner Reisen rund um den Globus begleiten und ihre Erzählungen waren sehr interessant für uns Kinder. Ich bin auch viel in meiner Fantasie gereist und hatte immer großes Interesse an der großen weiten Welt.

Sylvia: Jetzt habe ich noch eine Frage: Wie hat Dich Deine eigene Kindheit in Freiheit geprägt in Bezug auf die Erziehung deiner eigenen zwei Kinder.

Irene: Ja, meine Tochter, die ja in den USA lebt, hat mir gerade, als wir telefonierten, gesagt, Mamma, du bist für mich in jeder Hinsicht ein Vorbild, weil du so tolerant bist und mich hast gewähren lassen, auch wenn ich mal falsch lag, aber du hast mich zum denkenden und vernünftig handelnden Mensch gebracht.

Sylvia: Das ist ja wunderbar zu hören.

Irene: Ja, das muss ich auch sagen, da war ich ganz gerührt und glücklich, weil man mir immer sagte, dass ich zu viel lächele und alles zu tolerant angehe. Aber das war meine Art, dem Schicksal nicht mit Kampf, sondern mit Entgegenkommen entgegen zutreten. Die Pflegerinnen sagen mir öfter, dass sie so gerne zu mir kommen, weil ich eine positive Haltung habe, und sie sich bei mir ein bisschen ausruhen und regenerieren können. Da können sie auch mal jemandem ihren Ärger oder Druck anvertrauen.. Das ist natürlich eine gute Sache für die und mir macht es auch Freude.

Sylvia: Na klar, das ist ja dann etwas Gegenseitiges. Das vergessen wir Menschen gerne. Weil wir so in Einbahnstrassen denken.

Irene: Ja genau, das eine bewirkt das andere.

Joachim (66 Jahre) Interview vom 30. März 2015

Sylvia: Wann in Deinem Leben hat der Begriff Selbstverantwortung an Bedeutung gewonnen?

Joachim: (lacht): Am 3. Januar 1980.

Sylvia: Wie kommt es, dass Du Dich so genau an das Datum erinnerst?

Joachim: Das ist der Geburtstag von meinem Vater, und der Tag, an dem meine Mutter meinen Vater verlassen hat, nach über 30 Jahren. Sie hat mir mal gesagt, sie wollte ihn schon nach meiner Geburt verlassen, aber da kam meine Schwester noch, so als Ausrutscher. Und deshalb weiss ich das so ganz genau.

Sylvia: Wie alt warst Du da?

Joachim: Ich war 30 und das war deshalb die Eigenverantwortung, weil ich in den nächsten 2-3 Wochen später, im Zuge dieser Ereignisse auch weg bin, fluchtartig, mich 3 Monate versteckt hab…

Sylvia: Vor wem?

Joachim: Vor meinem Vater und vor seinen cholerischen Anfällen und gemerkt habe, das plötzlich Eigenverantwortung angesagt war, die ich vorher relativ wenig gelebt habe.

Sylvia: Hast Du Dich vorher steuern lassen von anderen?

Joachim: Ja, speziell von den Eltern. Auf geschickteste Art und Weise wie – wir überschreiben dir das Haus – komm mach doch ´ne Firma, ich helf´ dir noch ein bisschen…Und schon war die Falle zu.

Sylvia: Die Verlockungen waren groß?

Joachim: Die Verlockungen waren groß, und ich hab dann die Eigenverantwortung lernen müssen, noch gar nicht so mit dem Begriff Eigenverantwortung, aber heute ist mir klar, dass es genau darum geht, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und deshalb kann ich mich so gut daran erinnern (lacht), weil das so radikal war. Ich habe dann meinen Vater auch nie wieder gesehen. Der hatte im April seinen dritten Herzinfarkt.

Sylvia: Also du warst Dir nicht im Klaren bevor Du 30 warst, dass Du, was Du bislang getan hast, getan hast, weil Du es so entschieden hast, aus guten Gründen, wie auch immer.

Joachim: Ich habe mir so ein paar Lebensbereiche gesucht, wo ich ziemlich autonom sein konnte, Rally fahren oder Geländemotorrad. Mein erster Jobwunsch, das war nach der Schule, da habe ich mich im Senkenberg Institut in Frankfurt eingeschrieben und wollte eine Ausbildung machen als prähistorischer Forscher, die haben mir geschrieben, wunderbar, klasse, kommen Sie. Stolz wie Oskar kam ich dann mit meinem Ausbildungswunsch,- und mein Vater: Ne, ne, also ich weiss nicht mehr genau wie, aber Feierabend, Schluss – war es vorbei.

Sylvia: Das heisst, er hatte noch sehr viel Macht über Dich?

Joachim: Ja, ja, absolut. Ich kann mich auch nicht an eine rebellische Pubertät erinnern, wo die Zeit ist, mal aufzustehen…

Sylvia: Dann warst Du ein braves Kind?

Joachim: Ja. Es hat sich dann später herausgestellt, als ich mit meiner Mutter lange darüber gesprochen habe, dass sie, ich drücke es mal so aus, mir ganz viel Liebe geschenkt hat, manchmal habe ich das Gefühl, das war ein bisschen zu viel, ich bin da ja kein Partnerersatz an der Stelle, manche sagen auch Missbrauch dazu, das ist dann eine subtile Art. Sie hat mir irgendwann gesagt, ich bin nicht weg, wegen dir und wenn ich genau nachgespürt habe, war ich dageblieben, wegen ihr. Wir hatten da so eine Symbiose, die wir nicht aufgedeckt hatten. Da war nicht mal zu meinem Vater, sondern zu meiner Mutter die Abhängigkeit, dass ich das erduldet habe. Jetzt bei diesem Flugzeugunglück, habe ich mich erinnert, dass ich öfters bei Vollgas die Augen zugemacht habe, aber irgendwas hat sie mich dann doch wieder aufmachen lassen, deshalb lebe ich ja noch, aber ich kenne die Situation. So ausweglos, hilflos, ohnmächtig. Die nächsten 5-10 Jahre habe ich durchaus gebraucht, über Gruppen, über Selbstreflexion……..

Sylvia: Bei Dir war das ja ein ganz radikaler Schnitt, und Du musstest Dich ja völlig neu orientieren.

Joachim: Ich habe dann Maschinenbau studiert (lacht), das war aber eher eine Therapieform, habe auch später nie wieder als Maschinenbauer gearbeitet. Mit dem Abschluss kam auch mein Sohn zur Welt, dann war ich zwei Jahre Hausmann, mit dem Versuch nebenbei was zu arbeiten. Aber das ging nicht. Das hätte ich gut leisten können, wenn ich klarer gewesen wäre, wie geht Selbstverantwortung.

Sylvia: Du hattest noch nicht das Gefühl nach der Prämisse zu leben: Ich mache, was ich will.

Joachim: Doch, schon, nur dieses Wollen war vielleicht ein bisschen überzogen. So wie,- ich schwanke in die andere Richtung. Und unsicher immer dabei. Ich hatte noch jahrelang Alpträume. Die ersten zwei Jahre hatte ich, wenn ich etwas entschieden habe im Kopf: Was sagt er jetzt dazu?

Nach meiner zweijährigen Väterzeit war auch die Beziehung mit meiner Freundin vorbei. Ich habe mir dann Gruppen gesucht, wenn Männer Väter werden, wollte rausfinden, wer bin ich als Mann? Als ich das erste Video von mir gesehen habe, bin ich fast im Sessel versunken, weil ich dachte, das bin nicht ich, sondern er, Gestik Mimik, was auch immer. Das hat sich total geändert.

Sylvia: Du hast ja auch hart daran gearbeitet.

Joachim: Ich bin jetzt mit ihm im Frieden, nur der Rest der Familie nicht, daher ist die Familie auseinander gebrochen, bei meiner Mutter ist das Thema tabu, sie will darüber nicht reden. Also zurück zur Selbstverantwortung, warum ich Selbstverantwortung erst so zwischen 30 und 40 angegangen bin (lacht).

Sylvia: Wie würdest Du denn Selbstverantwortung in andere Worte übersetzen?

Joachim: Für mich selbst sorgen. Sorgen nicht im Sinne von, sich Sorgen machen, sondern fürsorglich sein. Aufpassen, geht es mir wohl, fühle ich mich wohl, habe ich klare Gedanken, weiss ich, was ich will, habe ich Potential, das auch ins Leben zu bringen, auch um Hilfe bitten, gehört mit dazu. Ich lebe nicht alleine, ich lebe in Gemeinschaft, aber wenn ich nicht weiss, wer ich bin und das nicht formulieren kann und auch nicht klar bin, kann ich nicht erwarten, dass die anderen das mir leisten. Das war die Lehrzeit von Selbstverantwortung.

Sylvia: Die ist ja wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen?

Joachim: (lacht): Das behaupte ich, dass die nie abgeschlossen ist. Ich finde immer, es wird zu wenig gefordert in Selbstverantwortung, als ich so groß war (er zeigt einen knappen Meter) , da wussten meine Eltern, was für mich gut ist, dann wusste die Kindergärtnerin, was für mich gut ist, dann weiß der Lehrer, was für mich gut ist, der Pfarrer und die Politik wissen es sowieso, der Ausbilder weiß, was für mich gut ist, und dann kommt der Chef und sagt: „Jetzt bitte Selbstverantwortung“ Aber wann haben wir das gelernt?

Sylvia: Ja, das ist ja das Paradoxe, das ist ja mein Ansatz, es liegt ja nicht Selbstverantwortung in dem „Soll“, sondern im Intrinsischen, im eigenen Bewusstsein, was ich selber von innen entscheide, auch jede Außensteuerung ist ja eine Entscheidung, die ich zulasse.

Joachim: Ja, völlig klar.

Sylvia: Aber so zu Denken haben wir einfach nicht gelernt. Das ist sehr bedauerlich, dass wir das nicht in der Schule lernen, diese Haltung lernen wir nicht, sondern immer nur, du sollst, du sollst , du sollst.

Joachim: Ja, wenn die Mutter sagt, nun sei doch mal lieb, meint sie nicht, nun geh mal in Selbstliebe, sondern, nimm die Finger von den Süssigkeiten (lacht).

Ich wollte noch ein Wort zur Anpassung sagen, warum wir Menschen so sind, weil wir vor langer, langer Zeit ohne das Rudel, ohne die Gruppe nicht überleben konnten, das war schlicht unmöglich. Das wir ohne überleben können, das ist erst seit ein paar hundert Jahren. Dieses sich Anpassen wollen hat uns wirklich genetisch geprägt. Daher ist die Gefahr, dass man sich eher anpasst, als seinen eigenen Weg zu gehen, mit einer ganz, ganz tiefen Angst besetzt, die wir nur wegkriegen, wenn wir uns mit dem Kopf klarmachen, wir leben in einem Sozialsystem und können so überleben.

Klaus ( 46 Jahre) Interview vom 10. März 2015

Sylvia: Meine Frage lautet, der Begriff Selbstverantwortung und Dein Lebenslauf, was haben die miteinander zu tun?

Klaus: Der Begriff Selbstverantwortung und meine Biographie, wo die zusammen kommen und ab wann der Begriff wichtig wird?

Sylvia: Genau.

Klaus: Selbstverantwortung ist für mich besonders manifest geworden, als ich mich entschlossen habe, aus der Kirche auszutreten. Weil ich in dem Moment erkannt habe, dass man, wenn man eine äußere Autorität anerkennt, nicht wirkliche Selbstverantwortung übernehmen kann.

Sylvia: Okay, das ist interessant, wie alt warst du, als Du das entschieden hast?

Klaus: Das war vor zwei Jahren. Das ist bis dahin gereift, und dann habe ich gedacht, jetzt musst du die Verantwortung für dein Leben in die Hand nehmen.

Sylvia: Du sagst, das war ein Prozess. Was genau hat dazu geführt?

Klaus: Das ist schwer in Worte zu fassen. Das waren verschiedene Erkenntnisse, zum einen die Beschäftigung mit der Unternehmenssicht, und die Beeinflussung der Menschen in meinem Job, durch Bücher, die ich gelesen habe in meinem Leben, zum Beispiel W. Edwards Deming, das Toyota Produktionssystem und andere Themenfelder, mit den dahinter liegenden Denkmuster, die dann dazu geführt haben, dass ich mir gesagt habe, Du kannst nur Verantwortung übernehmen, wenn Du sie selbst übernimmst.

Sylvia: Was meinst du mit Einsichten?

Klaus: Ich habe letzte Woche meinen Kollegen gesagt, ich habe sehr feste Überzeugungen, und da gibt es dieses schöne Lied „my friend has got no money, but he has got his strong believes“. Ich würde also bestimmte Überzeugungen niemals verraten, verkaufen, zum Beispiel jemandem schaden zum eigenen Vorteil. Die Verantwortung liegt auch darin, etwas nicht zu tun, das Seinlassen ist eine ebenso große Verantwortung, auch wenn es mich in eine existentielle Krise katapultieren kann. Das wäre dann so ein Beispiel für meine Überzeugung. Und ich habe dann zu meinen Kollegen gesagt, demnächst grillen wir dann Kinder, Hauptsache, wir verdienen dran, wo sind denn die Grenzen? Manche sagen, der Job ist von der Moral getrennt.

Sylvia: Geht es um Moral oder Ethik, ist das für dich eins?

Klaus: Im Sinne von, die eigenen Überzeugungen, was richtig und falsch ist, würde ich jetzt mal als das Wichtige ansehen und welches Etikett wir dann da draufkleben, ist mir dann erstmal egal und was die Gesellschaft als richtig und falsch ansieht, ist das weniger Wichtige. Was mich schon als Kind wahnsinnig aufgeregt hat war, wenn mein Vater sagte „das macht man nicht“. Ich hab dann immer gesagt, aber warum? Ich wollte eine Erklärung und keine Floskel., weil dann kann ich zustimmen oder es ablehnen. Das macht man nicht, heisst, ich muss es trotzdem tun, ohne zu verstehen, warum.

Sylvia: Er hat dir keine Erklärung geliefert?

Klaus: Meistens nur Einsilbiges, weil es so ist, nicht im Sinne einer schlüssigen Erklärung.

Sylvia: Nachdem Du Dich vor zwei Jahren entschieden hast, aus der Kirche auszutreten , hat sich da Dein Lebensgefühl verändert?

Klaus: Das könnte man jetzt als „Ereignis“ festhalten in der Biographie, ansonsten wächst das organisch, auch schon vorher seitdem ich 11 – 12 Jahre alt war. Sagen wir, da habe ich die letzten Schatten der Unselbstständigkeit abgeschüttelt.

Sylvia: Für mich ist der Begriff Selbstverantwortung ja so eine praktische und alltagstaugliche Idee, nämlich dass ich den ganzen Tag mache was ich will. Würdest Du dem zustimmen?

Klaus: Gedehntes ja (lacht). Das heisst im Sinne von, was ich für richtig halte, nicht unbedingt, was ich will. Da arbeite ich noch dran, die inneren Wünsche und den Willen raus zuarbeiten. Ich weiß immer sehr schnell, was ich nicht will.

Sylvia: Zu wissen, was Du nicht willst, ist ja genauso wichtig. Wesentlich ist ja, sich der guten Gründe bewusst zu sein, warum Du etwas willst oder nicht. Dann ist es niemand anders und fühlt sich besser an.

Klaus: Das bewusste Entscheiden, das ist der Punkt, auch das bewusste Verweigern von bestimmten Dingen und nicht zu sagen: Geht halt nicht anders. Es geht immer anders.Ich glaube auch, dass man viel mehr sein Umfeld beeinflussen kann, ich nehme mir jetzt immer irgendwelche uneigennützigen Dinge vor und ernte dann ein Lächeln oder ein zustimmendes Nicken dafür. Gestern habe ich bei uns am See den Müll aufgesammelt. Ehe ich eine Stunde spazieren gehe, denke ich, nimmst Du eine Mülltüte und ein paar Handschuhe und habe einen ganzen Sack voll Müll gesammelt. Das tue ich ja auch für mich.

Max (28 Jahre) Interview vom 3. März 2015

Sylvia: Wie immer lautet meine Einstiegsfrage, was das Wort Selbstverantwortung für den Verlauf Deines Lebens bedeutet?

Max: Mit dem Wort Selbstverantwortung habe ich mich bevor wir in Berlin darüber gesprochen haben, noch gar nicht so auseinandergesetzt. Aber was ich für mich immer wieder hinterfrage, sind meine Entscheidungen, was bedeuten die eigentlich für mich im Leben und wie gravierend sind die für mich, ich sag mal, im Dschungel der Gesellschaft, dass man nicht etwas macht, was sich dann schlecht entwickelt, sondern eher etwas, sodass man sich wohlfühlt mit seinen Entscheidungen und wenn man sich dann wohlfühlt, dass man sich da auch weiterentwickeln kann. Das habe ich bewusst schon am Ende der Schulzeit versucht zu hinterfragen und immer wieder, wenn ich im großen Stil vor einer wichtigen Entscheidung stand. In der Schule war das zum Beispiel so, da hatte ich eine wichtige Entscheidung zu treffen, ob ich auf eine Schule für Begabte gehen will oder nicht. Da war die Entscheidung ziemlich easy und schnell gefallen, dass ich das gerne tun möchte.

Sylvia: Wie alt warst Du da?

Max: Da war ich 14 – 15…

Sylvia: Okay, und welche Rolle haben da Deine Eltern gespielt bei der Entscheidung?

Max: Meine Eltern, als sie das gelesen haben, dass ich da die Möglichkeit habe, haben sofort gesagt, mach das, mach das…ist total gut. Und für mich war das in erster Linie okay, es würde für mich mehr Arbeit, mehr Stress in der Schule bedeuten, den ich vorher nicht hatte, weil ich schulisch easy going war. Dann haben aber die Supportsprüche meiner Eltern gefruchtet, und ich habe das dann gemacht.

Sylvia: Mich interessiert immer, welche „Umwelt“, welche Rahmenbedingungen stellen Eltern ihren Kindern zur Verfügung, damit diese früh Selbstverantwortung übernehmen, weil, das kann man ja nicht direkt in die Kinder hinein kriegen.

Max: Mein Vater ist da so eine Schlüsselperson für mich und auch für meine Brüder, das sage ich ganz oft.

Sylvia: Inwiefern?

Max: Mein Vater hat schon immer,- das ist so ein Glücksfall bei mir und meiner Familie, er hat schon immer gesagt, macht euer eigenes Ding, macht eure eigenen Fehler. Ihr sollt entscheiden, was ihr machen wollt, ob ihr ins Gymnasium gehen wollt, ob ihr studieren wollt oder eben nicht. Er hat nie, wie man das von anderen Eltern so hört, gesagt, das müsst ihr unbedingt so machen, weil ich das so gemacht habe, oder was auch immer. Er hat zum Beispiel nie studiert, oft hört man dann von solchen Eltern, ja, ich hab nicht studiert, wenn ihr studieren würdet, würdet ihr einen besseren Job bekommen. Studiert, lernt, lernt. Das hat unser Vater nie gemacht. Er hat gesagt, wenn ihr studieren wollt, dann gern, dann freue ich mich, supporte euch, aber wenn ihr irgendwann sagt, ihr wollt nicht mehr, ihr wollt irgendwas anderes machen, dann unterstützt er uns auch da. Er hat immer die Leine locker gelassen, immer gesagt, entscheidet ihr.

Sylvia: Das ist ja wunderbar. Und Deine Mutter hat da auch mitgezogen?

Max: Genau! Meine Eltern sind so ein Traumpaar, wie ich immer sage, verstehen sich super und supporten sich gegenseitig.

Sylvia: Das ist ja auch mein Erleben, dass, wenn Kinder einen guten Raum bekommen, sie ihr Potential und ihre Selbstverantwortung toll entwickeln können, man kann das eben nicht in sie reinstopfen. Sind Deine Brüder, was ihre Lebenshaltung angeht auch so unterwegs?

Max: Ja auf jeden Fall. Ich denke halt sehr bewusst darüber nach und reflektiere sehr viel vorwärtsgewandt, ohne mich belasten zu wollen. Ich schau da ein bisschen weiter, als meine Brüder, aber trotzdem sind wir alle nicht diejenigen, die darauf warten, dass einer kommt und sagt, was wir zu tun haben. Oder dass ich darauf warte, dass mir jemand erlaubt, das ich das und das darf. Wir nehmen unsere eigenen Zügel in die Hand. Das haben wir schon sehr stark unserem Vater zu verdanken.

Hayri ( 56 Jahre) Interview vom 28. Februar

Sylvia: Wann hat  Selbstverantwortung als Lebenshaltung für Deine Biographie begonnen, eine Rolle zu spielen?

Hayri: Ich denke, schon immer. Ich habe schon als Kind für meine Familie Verantwortung übernommen, sie unterstützt. Meine Eltern haben mir schon früh vertraut, zum Beispiel haben wir Tabak angebaut, meine Eltern waren auf dem Feld, da war ich sechs Jahre alt, da haben sie mich geschickt, du sollst jetzt einen einen Pferdewagen zum Transport von dem Tabak mieten.

Sylvia: (lacht) Stell Dir das mal vor in in Deutschland, ein Sechsjähriger mietet eine Droschke!

Hayri: (lacht) Denen habe ich dann gesagt, meine Eltern brauchen einen Pferdewagen. Ja, die wollten mir erstmal nicht glauben, haben tausend Fragen gestellt: Wer ist dein Vater, wer ist deine Mutter usw., aber es hat geklappt. Meine Familie brauchte mich, und ich bin mit diesen Aufgaben auch gewachsen, habe meine Erfahrungen gemacht. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, es musste erledigt werden, es hat auch meistens geklappt.

Sylvia: War diese Verantwortung für Dich eher belastend, oder war das auch was Schönes, weil sie Dir vertraut haben?

Hayri: Es war nichts Belastendes. Ich habe das auch gerne gemacht, und es hat mir gut getan und ich habe gespürt, dass es meiner Familie gut tut. Es war für mich positiv und hat mich von Anfang an geprägt und aufgebaut und dieses positive Gefühl hat mich mein Leben lang getragen, mit jeder getanenen Sache wächst man und das Selbstwertgefühl wird gestärkt.

Sylvia: Wie alt warst Du, als Du die Türkei verlassen hast?

Hayri: Fünfzehn, aber meine Mutter kam schon nach Deutschland, da war ich zwölf Jahre alt. Mein Vater durfte nicht bleiben, er hat keine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Die ganze Familie hat unter der Trennung gelitten, war hin und hergerissen. Ich sollte noch 3 Jahre in der Türkei bleiben, meinen Schulabschluss machen. In der Zeit habe ich teilweise bei der Verwandtschaft, teilweise alleine gelebt, musste mich auch allein versorgen, das hat mich früh reifen lassen. Später haben mir meine Eltern vieles anvertraut, Papierkram und anderes, das erledigt werden musste.

Sylvia: Das war natürlich nicht einfach für Dich.

Hayri: Ich denke, wenn man keinen Schaden davon bekommt, von diesen Aufgaben, ist es aufbauend. Es hat mir gutgetan, ich kann mich nicht beschweren darüber.

Mit fünfzehn bin ich dann nach Deutschland gekommen. Nach dem Schulabschluss habe ich meine Ausbildung gemacht als Dreher, habe dann zwei Jahre als Facharbeiter gearbeitet, aber gemerkt, das war nichts für mich. Dann habe ich abends die Realschule besucht, danach Fachabitur gemacht und anschließend die Fachhochschule besucht. Habe mich dann beworben und bin seit 1983 im Unternehmen beschäftigt.

Sylvia: Wie schaffst Du es als eigenständiger und selbst denkender Mensch, Dich in einem hierarchischen Unternehmen einzuordnen? Und was ist der Preis?

Hayri: Also so ein Unternehmen hat schon seine Spielregeln, dazu kommt eine Führungskraft, die man vorgesetzt bekommt, das sind natürlich auch Menschen, die ihre unterschiedlichen Betrachtungsweisen haben. Im Laufe der Jahre habe ich unterschiedliche Charaktere erlebt, die meistens sehr leistungsorientiert sind, da wird weniger auf den Menschen Rücksicht genommen. Die meisten Sachen klappen ganz gut. Die Unzufriedenheit kommt eher daher, weil das eine fremdbestimmte Arbeit ist. Du erledigst Dinge, die dir vorgesetzt werden. Du hast keine Wahl, was du genau machen willst. Aber so ist das System, das uns alle in eine Richtung treibt. Die Musik wird von ganz oben gespielt, der Gewinn muss stimmen und die Führungskräfte werden darauf getrimmt, das sind bestimmte Persönlichkeiten mit einem großen Ego. Die wollen die Ziele des Unternehmens erfüllen, aber auch ihre eigenen Ziele, Karriere machen.

Sylvia: Ich wollte noch mal darauf zurück kommen, weil Du sagst, da arbeitet jeder fremdbestimmt, aber jeder Einzelne geht ja zur Arbeit aus guten Gründen. Zum Beispiel weil er Geld verdienen möchte, einen festen Arbeitsplatz haben. Du hast diese Arbeit ja auch gewählt.

Hayri: Dieses Argument hört sich sehr interessant an. Dieser Zwang ist durch unsere Rahmenbedingungen bestimmt, ich habe die Verantwortung für meine Familie getragen. Natürlich habe ich mir viel Gedanken gemacht. Muss ich unbedingt diese Arbeit machen? Aber durch eine Wechsel der Arbeitsstelle hätte ich auch nicht viel gewonnen. Da spielen Ängste auch eine große Rolle.

Sylvia: Was ist das für ein Gefühl für Dich jeden Tag,, wenn Du dich so im Zwang fühlst ?

Hayri: Also das Gefühl hängt ab von der Atmosphäre am Arbeitsplatz, wenn man sich kontrolliert fühlt, zu sehr abgefragt, ist es unangenehm, aber wenn man spürt, dass man nicht kontrolliert, sondern einem vertraut wird,- er wird schon machen, das ist ein angenehmes Gefühl.

Sylvia: Du erlebst auch schon mal Vertrauen?

Hayri: Ja, ich erlebe auch schon mal Vertrauen. Ich merke, wenn die Chefs, die sind ja auch Menschen, die haben ihre Sorgen und Ängste, die wollen auch Erfolg und müssen sich nach oben verantworten. Die sind auch nicht in einer besseren Lage, als ich. Ich habe festgestellt, dass je reifer die Chefs sind, desto mehr Spielräume bekommt man und desto angenehmer wird die Atmosphäre und auch umgekehrt, je unreifer sie sind, desto mehr spürt man deren Ängste und Sorgen, das ist dann sehr unangenehm.

Nili (25 Jahre) Interview vom 16. Februar

Sylvia: Meine Eingangsfrage ist ja stets dieselbe, wann hat das Wort Selbstverantwortung für Dich, für Dein Leben Bedeutung bekommen, bzw. wann wurde es wichtig für Dich?

Nili: Eigentlich direkt nach dem Abitur. Also 2010, das ist jetzt fünf Jahre her. Schon vor dem Abitur wurde ich oft gefragt, von Verwandten, von den Eltern, was machst du danach, hast du dir schon was überlegt? Aber da war ich noch zu beschäftigt mit meinen Klausuren, aber danach musste ich mich dann wirklich damit auseinander setzen.

Sylvia: Es wurde für Dich so deutlich nach dem Abi, aber Du auch schon vorher Entscheidungen getroffen oder siehst Du das anders?

Nili: Na ich finde, man hat sich so irgendwie, wie soll ich sagen, man war halt in der Schule, man wusste, man muss von Montag bis Freitag dort sein, dann hat man den Unterricht, das war halt alles so vorgegeben. Man musste ja nicht so viel selbst entscheiden, find ich.

Sylvia: Aber Du entscheidest ja trotzdem jeden Morgen,- steh ich auf oder nicht. Es gibt ja Kinder und Jugendliche die sich entscheiden, liegen zu bleiben oder die zu spät kommen…

Nili: Ja das hatte ich auch mal in der 10. Klasse, da habe ich mich entschieden, nicht hinzugehen, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte…., ja eigentlich hast du recht, man entscheidet schon jeden Morgen selbst, ob man hingeht. Aber nicht bewusst, man lässt sich da einfach leiten und macht sich da nicht soviel Gedanken drüber.

Sylvia: Und von wem lässt Du Dich leiten?

Nili: Von der Gesellschaft? Als ich noch Teenager war, von meinen Eltern, ich habe tolle Eltern, vor allem von meinem Papa, ich bin ja mehr so der Papamensch.

Sylvia: Hat er dann gesagt, mach dies oder jenes?

Nili: Ja. Und es sehr lang gedauert, bis ich davon weg kam und mir Gedanken darüber gemacht habe, was ich eigentlich will. Ich hab mich immer darauf konzentriert, was wohl mein Papa – nicht verlangt, das ist ein falsches Wort, aber was er wohl erwartet, war er sich für mich wünscht. Deshalb hat es echt lange gedauert, bis ich gemerkt habe, was ich eigentlich machen will.

Sylvia: Und wie war das dann, wie hast Du es geschafft?

Nili: Ich hatte ein, zwei Versuche, die ein bisschen in die Hose gingen, sag ich mal. Ich hab erstmal nach dem Abitur angefangen Lebensmitteltechnologie zu studieren, an der TU.

Sylvia: War das etwas, das Dein Vater toll fand?

Nili: Ja, genau! (lacht) Das ging dann nur zwei Semester, da bin ich wirklich nur reingerutscht, weil er die Idee hatte, das sei doch etwas Schönes, und ich wollte es ihm recht machen, aber das weiss er auch. Mittlerweile können wir darüber ganz offen sprechen.

Sylvia: War er denn sehr enttäuscht?

Nili: Ich denke schon, aber er ist ein ganz lieber Papa und wünscht sich wirklich das Beste für mich und das war dann nicht so dramatisch- nicht so dramatisch, wie ich dachte, das es sein könnte.

Dann wollte ich Grundschullehrerin werden, habe ein Fernstudium angefangen, fühlte mich dann aber sehr isoliert in meinen 4 Wänden. Andere haben mir gesagt, sie könnten sich sehr gut vorstellen, dass ich Lehrerin würde. Ich hab mehr auf andere gehört, als auf mich, aber das war mir nicht so bewusst. Und dann habe ich mir gesagt, ich bin nicht glücklich damit und ich treffe die Entscheidungen nicht wirklich selbst, lasse mich davon leiten, was andere gern wollen.

Sylvia: Das ist aber toll, dass Du da in Dich hinein horchen konntest.

Nili: Ich hätte gewünscht, ich wäre früher draufgekommen. Jetzt mache ich die Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin. Eine Freundin hat mir von diesem Beruf erzählt, ich wusste davon gar nichts. Dann habe ich ein Praktikum gemacht und gemerkt, dass mich das total anspricht. Das ist sehr abwechslungsreich, nicht so monoton. Das war das erste Mal, wo ich nicht so lange darüber nach gedacht habe, einfach reingeschaut. Jetzt mache ich das seit einem Jahr und bin sehr glücklich darüber.

Sylvia: Hast du einen Hinweis für Eltern, was können die machen, das ihre Kinder selbstverantwortlich werden?

Nili: Also ich denke, die Eltern sollten versuchen, die Kinder soweit in Ruhe zu lassen, egal ob es um Religion geht oder den Werdegang, wie auch immer, dass man sie da in Ruhe lässt, aber die Eltern sollten auch kein Desinteresse zeigen, einfach zeigen, dass sie da sind.

Herr B. (83 Jahre) Interview vom 11. Februar 2015

Sylvia: Was für eine Bedeutung hat dieses Wort Selbstverantwortung für Ihre Biographie?

Herr B.: Früher kannte man diesen Begriff Selbstverantwortung ja gar nicht. Aber das, was im Prinzip darin enthalten ist, nämlich dass ich für meine Gedanken und Handlungen zuständig bin und dafür gerade stehen muss, das ist etwas, was ich einfach in unserer Familie gelernt habe.

Sylvia: Was genau meinen Sie damit?

Herr B.: Unsere Eltern waren wirklich große Vorbilder für uns, wir haben uns sehr geliebt, und wir haben eine sehr harmonische Kindheit genossen, das bestimmt nicht jeder von sich behaupten kann und wir sind auch immer alle zusammen gewesen, Ausnahme im Krieg, da waren wir zeitweilig getrennt. Da war ich 12 Jahre alt, da ist meine Mutter mit mir und meiner Schwester zusammen aus Berlin evakuiert worden in die Mark Brandenburg zu Verwandten. Mein Vater blieb in Berlin, der musste ja weiter arbeiten und ist auch noch verschüttet gewesen. Unsere Wohnung ist dann durch Bombenangriffe kaputt gegangen.

Wir, damit meine ich meine Schwester und mich, wir sind da einfach hinein gewachsen, in die Art zu handeln und zu denken, dass man für seine Sachen verantwortlich ist und selbst was tun muss. Wir hatten sehr starke Anregungen von den Eltern, sind aber nie „stranguliert“ worden, nicht in dem Sinne erzogen, haben aber unser Leben sehr früh selbstverantwortlich geregelt, ob es beruflich oder privat war, das ist gar keine Frage gewesen.

Sylvia: Hatten Sie das Gefühl, dass andere Menschen in Ihrem Umfeld auch so dachten und so eine Haltung entwickelt haben?

Herr B.: Also die von meiner Generation, die den ganzen Krieg miterlebt haben, ja, mit Flucht vor den Russen, da liegen auch die weiteren Wurzeln. Auf der Flucht haben wir ja allerlei erlebt, keine schönen Sachen. Da bin ich so massiv mit dem Tod konfrontiert worden, so was verlässt einen ja nicht mehr.

Sylvia: Wie haben Sie das verarbeitet und dann später dennoch ein gelingendes Leben geführt?

Herr B.: Ich denke dadurch, dass wir immer wieder in der Familie aufgefangen wurden und soviel Liebe und Zuwendung gefunden haben, dass wir trotz alledem behütet aufgewachsen und eben hineingewachsen sind in solche Verantwortung für uns.

Sylvia: Und wie war das dann in den mageren Jahren nach dem Krieg?

Herr B.: 1945 sind wir dann bei den Großeltern untergekommen in Pankow, sind in die Schule gekommen und mussten russisch lernen. Sie können sich nicht vorstellen, wie froh wir waren , dass der Krieg vorbei war, das war eine unglaubliche Erleichterung, was wir für Freude hatten, nur wegen der Tatsache, dass der Krieg vorbei war, das kann sich keiner vorstellen! Man kann endlich was für sich selbst tun. Ich ging dann plötzlich gerne zur Schule, habe mein Abitur mit Auszeichnung bestanden. Dann habe ich mein Studium absolviert. Ich wollte einfach lernen, das hat mir soviel Spass gemacht.

Sylvia: Da muss ich ja gar nicht groß nachfragen, das ist ja glasklar, dass Sie hochmotiviert waren.

Herr B.: Das schöne Leben weiterleben, nicht das materielle, sondern das familiäre. Die Ereignisse waren es, erst die schlimmen, dann die angenehmen., einfach weiterleben. Das ist doch eine unglaubliche Geschichte. Ja, das ist mir jetzt nochmal so klar geworden. Ich habe auch meinen beruflichen Werdegang nochmal abgearbeitet, das ist genau dieselbe Geschichte. Lernen wollen, was werden wollen. 1970 habe ich mich selbständig gemacht, habe eine Beratungsfirma aufgemacht, Managementberatung.

Sylvia: Sie haben ja dann auch eine Tochter bekommen.

Herr B.: Die ist auch so selbstverantwortlich geworden, aber ohne dass ich da viel gemacht habe.

Sylvia: Wie beurteilen Sie den Unterschied der Gesellschaft, das Denken war anders? Heute leben wir, verglichen mit den Zeiten, die Sie erlebt haben, ja geradezu im Paradies.

Herr B.: Ja, aber die Menschen haben den Vergleich nicht, die wissen das nicht. Die finden das heute auch schlimm. Früher wurde etwas mutiger und konstruktiver gearbeitet, heute ist man da eher etwas wehleidig. Was mir in meinem Leben immer sehr geholfen hat, ist mein Humor.

Saleh (34 Jahre) Interview vom 6. Januar 2015

Sylvia: Wann hat für Dich das Wort Selbstverantwortung Bedeutung bekommen?

Saleh: Es fing bei mir so an. Mit 22 wurde ich von meinen Eltern in die Türkei geschickt. Ich hatte selbst Pläne, was ich in Deutschland umsetzen wollte, und dann hat mein Vater entschieden und hat gesagt, du gehst jetzt erstmal in die Türkei und hilfst deinem großen Bruder.Ich habe gesagt, ich möchte nicht, wusste aber, die lassen mich nicht in Ruhe. Ich hatte schon Zweifel, habe dann aber aus Angst zugestimmt.Also bin ich in die Türkei und bin dort 6 Jahre geblieben, habe dort auch viel gelernt. Die Zeit hatte Höhen und Tiefen, ich bin auch immer wieder nach Deutschland gekommen und so mit 24 Jahren habe ich das Buch von Reinhard Sprenger gelesen: „Die Entscheidung liegt bei dir“ und habe in den folgenden Jahren entsprechende Schritte umgesetzt, aber in den folgenden Jahren das Buch komplett vergessen.

Sylvia: Welche Schritte hast Du denn umgesetzt?

Saleh: Da gibt es ja so bestimmte Sätze, zum Beispiel, dass man sein Lebensauto selber steuern soll, aber in der Türkei sah ich wenig Möglichkeiten, das direkt umzusetzen, habe mehr wie eine Marionette alles gemacht, was meine Familie wollte. Klar hatte ich auch meine Vorteile, indem ich dadurch sehr gut türkisch gelernt habe – ich bin ja in Deutschland geboren.Ich habe dann den Cut in der Türkei gemacht, weil ich merkte, dass ich kein Lächeln mehr hatte, fühlte mich nur noch als Roboter.

Sylvia: Was hat Dir dann den Dreh gegeben, Dein Leben in die Hand zu nehmen?

Saleh: Ich hatte Selbstmordgefühle, das Leben war nicht das, was ich wollte, konnte nicht mehr schlafen, fühlte mit depressiv, das hat dann auch meine Familie gemerkt. Ich bin dann nach Deutschland, was auch nicht einfach war. Ich habe eben lange über mich bestimmen lassen und dachte schließlich, meine Familie ist schuld.

Dann habe ich mir das aus einer ganz anderen Sichtweise angeguckt und gedacht,- dann ändere das doch einfach. Das war aber schon Alarmstufe rot gewesen, ich wollte schon komplett aufgeben, in den Tag hineinleben, nix mehr machen. Dann habe ich mich erinnert, was ich als Kind gerne gemacht habe.

Sylvia: Was war das?

Saleh: Die Kreativität, die Kunst, das hatte mir meine Familie aber ganz früh genommen, die hatten eben ganz andere Erwartungen.

Ich hatte dann aber kein ruhiges Gewissen, die Familie zu enttäuschen, fühlte mich hin und her gerissen, habe mich zu guter letzt entschieden, die Familie zu verlassen, das war sehr schwer für mich, habe meine sieben Sachen gepackt und nach und nach erstmal gezeichnet und gemerkt, das ist mein Ding, das tut mir gut, das ist meine Passion, die man mir als Kind ausgeredet hatte.

Sylvia: Da bist Du dann ins Risiko gegangen und hast was gewagt?

Saleh: Ja, genau. Wenn ich jetzt neue Dinge angehe, Ausstellungen für meine Bilder mache, Unterricht in Schulen gebe, neue Projekte, bin ich zwar aufgeregt, aber das ist positiver Stress und ich steuere den Prozess selber, und die Angst steuert mich nicht mehr. Ich setzte es jetzt um, ob es klappt oder nicht, mit einer optimistischen Grundstimmung. Ich bin froh darüber, den Mut gehabt zu haben, zu entscheiden, bis hierher und nicht weiter.

Hernriette (77 Jahre) Interview vom 14. Januar 2015

Sylvia: Was bedeutet für Dich das Wort Selbstverantwortung?:

Henriette: Ich bin die personifizierte Selbstverantwortung, das ist für mich ein wunderbares Geschenk, aber das war auch eine Entwicklung, die nicht immer ganz leicht war. Das war eine große Herausforderung, und das Nachkriegsdeutschland war im nach hinein gesehen ein guter Rahmen, vielleicht sogar besser, als der heutige Wohlstand.

Sylvia: Woher denkst Du, kam diese Kraft, dieser Drang nach Selbständigkeit in Deinem Leben?:

Henriette: In meiner Familie waren alle sehr individualistisch, meine Mutter und meine Großmutter waren sehr starke Frauen, na ja, die Männer sind im Krieg gestorben, da mussten die Frauen das Leben in die Hand nehmen.

Sylvia: Da hat man aber wahrscheinlich weniger gehadert, sondern angepackt.

Henriette: Genau! (lacht) Das ist die Überschrift davon: Entweder du hast gekämpft oder du bist verreckt. Es gab gar keine andere Frage. Und Pubertät war für uns gar kein Thema, weil sich da niemand für interessiert hat. Sie hatten alle gar keine Zeit, wir haben da unser Ding gemacht, und die Erwachsenen ihr Ding. Eigentlich war das für das Aufwachsen enorm günstig. Ganz wichtig waren für mich auch Bücher, Bücher sind mir immer zum richtigen Zeitpunkt über den Weg gelaufen.

Sylvia: Das ist ja eigentlich verrückt, da hat das Leben gelehrt und nicht irgendwelche Fördermassnahmen:

Henriette: (lacht) Ja, das ist wirklich verrückt, wohin das mit dem Wohlstand gekommen ist, das tut mir manchmal leid. Meine kleine Enkeltochter hat ja auch schon den Flitz, dass alles gekauft werden soll. Ich mein das ist doch alles sinnlos. Heute sagt man, man habe keine Zeit, aber wenn ich denke, wie unsere Großeltern geschuftet haben, dafür starb man auch früher.

Sylvia: Was hat für Dich Deine Berufstätigkeit bedeutet?

Henriette: Berufstätigkeit war für mich die Grundvoraussetzung für das Gefühl der Selbständigkeit. Ich hatte ja früh geheiratet, da war mein Mann noch Student, da habe ich aber nur auf Honorarbasis gearbeitet. Den Impuls ganz ins Berufsleben einzusteigen gab die Scheidung. Ich war Krankengymnastin, heute sagt man Physiotherapeutin, und konnte in unserer kleinen Abteilung immer machen, was ich wollte. Damals hatten wir Zeit für die Patienten, heute wird der Mensch ja zur Ware – schrecklich. Die Arbeit hat mir Selbstwertgefühl gegeben. Heute denke ich, ich hätte gar nicht aufhören sollen zu arbeiten.

Letztlich muss jeder seinen Lebensweg bestehen und das war bei mir ein Glücksumstand und auch bei der Erziehung meines Sohnes, das ist auch ein Glücksumstand, das der Vater sich sehr gut um ihn gekümmert hat, vieles im Leben hängt eben auch von Zufällen ab.

Barbara ( 62 Jahre) Interview vom 23. Januar 2015

Sylvia: Was bedeutet für Dich das Wort Selbstverantwortung? Was für Assoziationen hast Du so ganz spontan:

Barbara: Ich denke in der Selbstverantwortung liegt eine ganz enorme Kraft für jeden Tag, den Alltag und was mich an dem Wort fasziniert ist, dass da das Wort Antwort drin ist: Nicht die anderen fragen, sondern mir selbst Antwort geben auf die Fragen, die ich habe. Sei es, was ich heute anziehe oder wie ich meine beruflichen Pläne voran bringe. Die Antworten liegen einfach in mir selber. Und das mal zu kapieren.

Sylvia: Ja, das ist wunderbar, aus dieser Perspektive habe ich es noch gar nicht gesehen, das betont die eigene Autonomie.

Barbara: Ja, genau.

Sylvia: Und welche Bedeutung hatte dieser Begriff Selbstverantwortung, diese Haltung für Dein Leben? Wann wurde es spürbar für Dich?

Barbara: Ich hatte sehr früh geheiratet, sehr früh Kinder gekriegt, habe aber die Verantwortung für mein Leben nicht mehr gespürt. Habe mich dann von meinem Mann getrennt, wir waren 7 Jahre getrennt, ich habe mich aber immer noch sehr verbunden gefühlt. Im Geheimen habe ich schon daran gedacht, wie es wäre, wenn wir wieder anfangen, aber von außen – Stimmen von Freunden, Experten und so weiter meinten, kalter Kaffee, das bringt doch nichts, eine Beziehung wiederaufzuwärmen, da habe ich es lange nicht zugelassen. Bis ich irgendwann darauf kam, zu denken: Und wenn ich es einfach mache, obwohl alle sagen, es funktioniert nicht?

Sylvia: Was genau hat dann zu Deiner Entscheidung geführt?

Barbara: Ich habe angefangen, die Antwort in mir zu suchen, da ist dann eine Kraft in mir gewachsen, so eine neue Gewissheit und weil ich gemerkt habe, es ist immer noch diese Verbundenheit da, deshalb hat mich diese Option nicht losgelassen. Ich habe dann einfach gemacht! Dieser Satz ist später eine Art „Bonmot“ geworden, einfach machen und nicht auf die anderen hören. Ich stehe dann dafür gerade. Daraus folgend habe ich mir klar gesagt, nicht der Partner ist für mein Glück da, sondern ich habe die Verantwortung für mein Glück selber und kann auf meiner Bühne weitgehend Regie führen.

Sylvia: Wie lange hat es gedauert, bis Du zur Umsetzung geschritten bist?

Barbara: Das ging dann sofort. Und das war zu Anfang nicht so einfach, und ich habe mir dann vorgenommen, dass ich diese Entscheidung einfach nicht mehr in Frage stelle und auch die Verantwortung dafür übernommen. Das hat mich unglaublich erleichtert, weil die erste Zeit war wirklich nicht einfach. Ich war dann gleich schwanger, aber mir keine Zweifel mehr zu erlauben, fühlte sich unglaublich gut an. Jetzt nach 27 Jahren kann ich sagen, dass wir immer glücklicher werden. Wir wissen, jeder hat die Verantwortung für sich. Das heisst ja nicht, dass ich nicht gucke, wenn es ihm schlechtgeht und umgekehrt.

Selbstverantwortung heisst nämlich nicht, egoistisch sein, eigentlich heisst es, aus wirklicher Liebe gesteuert zu sein, die kommt aus mir und die geben mir nicht die anderen. Du siehst, ich kann mich da richtig reinreden.

Brigitte (74 Jahre) Interview vom 28. Januar 2015

Sylvia: Meine Einstiegsfrage geht dahin: War Dein Leben mehr bestimmt vom „Wollen“ oder vom „Sollen“ und wann wurde Dir das klar?

Brigitte: Mehr vom Wollen, so würde ich es sehen. Die Schulzeit habe ich alleine durchlebt. Wir waren drei Mädels, meine Mutter hatte überhaupt keine Zeit, wir haben alle unsere Schulzeit alleine durchgestanden. Ich konnte nicht die höhere Schule besuchen, weil meine Schwestern das auch nicht taten. Ich habe mir meine Lehre alleine gesucht.

Sylvia: Hast Du das als schwer empfunden?

Brigitte: Nein überhaupt nicht. Das war mein Wille und ganz selbstverständlich. Für mich war klar, das ich die kaufmännische Lehre ergreifen wollte, wie meine Schwester. Wir Schwestern waren alle sehr selbständige Menschen.

Sylvia: Und wie war Deine Mutter? War die auch ein starker Mensch?

Brigitte: Meine Mutter war eine sehr starke Frau. Überleg mal, sie hatte drei kleine Kinder, der Mann war an der Front, sie wusste nicht, wo er ist, er ist dann auch nicht wiedergekommen, und sie musste für uns sorgen. Es gab kein Kindergeld. Sie war ein starkes Vorbild und es war ganz klar, wir konnten sie nicht enttäuschen.

Sylvia: Da war wohl viel Vertrauen nötig, weil das ging ja gar nicht anders.

Brigitte: Ich hatte ein richtiges Urvertrauen zu meiner Mutter. Sie hatte wenig Zeit für uns, aber wenn ich ein Problem hatte, hat sie immer offene Ohren gehabt. Das hat mich für mein Leben geprägt.

Sylvia: Heute machen sich ja Eltern immer Sorgen, dass sie zu wenig Zeit für ihre Kinder hätten. Hattest Du das Gefühl als Kind von Deiner Mutter vernachlässigt worden zu sein?

Brigitte: Nein, überhaupt nicht. Da gibt es doch dieses Buch „die vergessene Generation“. Ich empfinde das nicht für mich. Wir sind aufgewachsen nach dem Krieg in Trümmern, hatten unsere Spiele, hatten unsere Schule, es begann alles wieder,- wir haben ja nichts vermisst, wir kannten es ja nicht anders.

Sylvia: Du hast dann Deine Ausbildung gemacht?

Brigitte: Ich habe dann die kaufmännische Ausbildung gemacht, bin meinen Weg gegangen, habe bei Eleganz am Kudamm gearbeitet. Als dann mein Sohn kam, habe ich für 10 Jahre aufgehört zu arbeiten und habe dann wieder angefangen zu arbeiten, als mein Mann und ich uns selbstständig gemacht haben mit einem Laden. Mein Mann hat mir den Einkauf beigebracht, und mein Geschäft hat mir Spass gemacht. Das Leben ging einfach wunderbar voran.

Mein Mann starb dann leider nach 5 Jahren, da habe ich den Laden alleine weiter geführt, obwohl ein Bekannter mir geraten hat, den Laden doch zu verkaufen und halbtags zu arbeiten. Der konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau alleine den Laden weiter führen kann. Ich bin dann mit der Aufgabe gewachsen. Verkaufen hat mir immer Freude gemacht.

Sylvia: Hast Du für Dich ein Erklärungsmodell, wie Du geworden bist, wie Du bist?

Brigitte: Ich denke, weil ich immer ein positiv denkender Mensch war. Ich bin eine Kämpfernatur, es geht immer weiter, und es gibt nichts in meinem Leben, was mir nicht Spass gemacht hätte.